Wearable Technologies: So wird ihr Körper zur Fernbedienung

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So wird ihr Körper zur Fernbedienung

Auf einmal sind sie überall: kleine Gerätschaften, mit deren Hilfe wir uns beobachten und unser Leben optimieren sollen. Sie kontrollieren die Fitness und filmen unser Leben. Wollen wir das überhaupt?

Auf einmal sind sie überall: kleine Gerätschaften, mit deren Hilfe wir uns beobachten und unser Leben optimieren sollen. Sie kontrollieren die Fitness und filmen unser Leben. Wollen wir das überhaupt? Von

Als im Jahr 1984 der Terminator aus der Zukunft kam, ein Mensch-Maschine-Mischwesen, glänzte eine von Arnold Schwarzeneggers Gesichtshälften metallisch. Unter der Haut lag das Getriebe, das Ganze wirkte nicht wie eine besonders schöne Vision der Welt, die da auf uns wartete.

Nun ist die Verschmelzung des menschlichen Körpers mit der Technik im vollen Gange. Die Sony SmartWatch zum Beispiel kündigt eine auf dem Telefon empfangene SMS durch sanftes Vibrieren an, Armbänder wie das Fuelband von Nike, Fitbit oder JawBone Up zeichnen die körperlichen Aktivitäten ihres Trägers auf und sollen so zu mehr Bewegung und einer gesünderen Lebensweise motivieren. Mithilfe eines weiteren Armbandes namens Myo, das die Muskelbewegungen der Arme registriert, lassen sich Computer, Tablett und Smartphone per Geste steuern.

Der Begriff für die neuen Mensch-Maschine-Produkte lautet Wearable Technologies. Darunter versteht man alle Arten von Technologien und Sensoriken, die am Körper, in Körpernähe oder im Körper selbst getragen werden. Mit der aufsehenerregenden Google-Brille trägt man das Internet, eine Kamera, ein Mobiltelefon samt Freisprechanlage und Apps vor dem Gesicht mit sich herum und bedient alles mithilfe von Sprachbefehlen und diskreten Bewegungen.

Sollte sich die Ende des Jahres erhältliche Brille durchsetzen, werden die Menschen, die ihr Smartphone heute täglich etwa hundertmal aus der Tasche holen und wegen ihrer stets darüber gebückten Haltung als „head-down tribe“ (also etwa: „Stamm der gesenkten Köpfe“) bezeichnet werden, wieder erhobenen Hauptes durch die Gegend laufen. Im Internet wird schon heftig debattiert, wie es um die Privatsphäre all der potenziell gefilmten und per Gesichtserkennung identifizierten Passanten bestellt ist.

Der Körper wird zur Fernbedienung

Im Mai prognostizierte die Schweizer Großbank Credit Suisse dem Markt für tragbare Technologie innerhalb der nächsten fünf Jahre eine Verzehnfachung seines momentanen Wertes auf 30 bis 50 Milliarden Dollar. „Ein Megatrend“, so das Institut. Der Geschäftsführer der 2005 gegründeten deutschen Branchen-Plattform „Wearable Technologies“, Christian Stammel, sagt: „Schon vergangenes Jahr wurden weltweit etwa 50 Millionen Geräte verkauft, zum Durchschnittspreis von 100 Dollar.“ Man rechnet mit jährlichen Wachstumsraten von 40 Prozent.

Der Körper wird zur Fernbedienung der Geräte. Und diese dienen dazu, den Körper zu optimieren. Oder zumindest dazu, ihn überhaupt in Bewegung zu bringen. Denn ein Großteil der „Wearables“ fällt derzeit in den Bereich Health-Style, wie die Schnittmenge von Sport- und Gesundheitsbereich genannt wird. Meist wird damit der eigene Körper und seine Funktionen beobachtet: Kalorienverbrauch, die über den Tag verteilte Bewegung, Schlafqualität und -dauer. Und mehr als für die Vertreter der Lifestyle-Bewegung namens Quantified Self, also dieser technikaffinen, oft obsessiv die eigenen Daten sammelnden Selbstvermesser, die zum Beispiel die Auswirkung der von ihnen verzehrten Butter auf ihre Denkleistung beobachten, sind die marktreifen Produkte für die ganz normale Couch-Kartoffel gedacht. Aber es stellt sich die Frage, ob wir es mit einer Verheißung oder lediglich mit neuen technischen Fesseln zu tun bekommen, die uns noch ein bisschen mehr disziplinieren und alles Genussvolle aus Gründen der Selbstverbesserung verbieten.

Selbstkontrolle macht glücklich

Laut einer jüngst veröffentlichten Studie der University of Chicago macht Selbstkontrolle glücklich. Weil sie verhindert, dass sich Menschen in problematische Situationen (Völlerei beim Abendessen, Joggingrunde ausgelassen) bringen, deren Folgen (Hose passt nicht mehr) sie dann betrüben. Durch ihr Design haben die Wearables nicht die Anmutung beigen Medizinbedarfs, Spaß machen soll das Ganze durch die Verschmelzung von Spielerischem mit der Realität, unter Experten gerne als „Gamification“ bezeichnet. „Durch Schnittstellen werden Armbänder etwa unter Freuden miteinander verbunden oder die Daten auf Social-Media-Plattformen geteilt“, sagt die Expertin für Modekommunikation Sarah Lewington. „Wenn ich sehe, dass mein Partner sich den ganzen Tag mehr bewegt hat als ich, kommt ein kompetitives Element ins Spiel.“ Lewington lehrt und forscht an der Trent University im britischen Nottingham zum Thema Empathic Design, einem Ansatz, der den späteren Nutzer eines Gerätes zum Ausgangspunkt aller gestalterischen Überlegungen nimmt.

Das soll die Bindung des Kunden an das Produkt erhöhen und dafür sorgen, dass es weniger schnell weggeworfen wird ? aber auch dafür, dass es seine Wirkung zeigt. „Das Gerät und das Wohlverhalten, das es anstößt, verbinden sich miteinander.

So weit, dass wir das Teil irgendwann nicht mehr ablegen wollen. Wie eine Uhr, die einem die Eltern vor 20 Jahren geschenkt haben, sind die kleinen Apparate sentimental und emotional aufgeladen. Zudem sind sie schlau, schön und fähig, sich naht- und drahtlos untereinander zu vernetzen.

Emotionen sind die nächste Baustelle

So weit, so hilfreich. Aber dabei bleibt es nicht; Emotionen sind der nächste Schritt in Sachen Mensch-Maschine. Nach Quantified Self und Wearable Technology kommt nun: Affective Computing. Dank Gestensteuerung, Gehirnstrommessung und Stimmerkennung werden die Geräte schon bald emotionale Schwankungen erkennen. Sie messen Hautspannung, Hautfeuchte und Körpertemperatur, können daraus ableiten, ob positiver oder negativer Stress vorliegt, und den Träger anhand dieser Daten vor einem einem nahenden Burn-out warnen. Und vielleicht auch gleich die Krankenkasse, die auf der Grundlage des beflissen selbst gesammelten Wissens dem ausschweifend lebenden Versicherten die Leistung verweigert und Selbstvermessung zum Zwang erhebt.

Experte Stammel teilt diese Ängste nicht: „Man selbst hat immer die Möglichkeit, die Geräte einfach auszuschalten.“ In der jüngst aufgedeckten Datensammelwut von Unternehmen und Regierungen sieht er keine Gefahr für die Entwicklung neuer tragbarer Techniken. Furcht vor der Totalüberwachung durch Wearable Technologies hält er für typisch deutsch. Dabei muss man doch nur ins Kino gehen, um zu ahnen, wovor wir jetzt Angst haben sollten.

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